Roberto Burle Marx: Modernismo tropical
Das Zentrum Paul Klee ermöglicht einen Blick ins Universum des grossen brasilianischen Künstlers
Er war Gartengestalter, Maler und Bildhauer, hat unter anderem Kostüme, Wandteppiche und Schmuck entworfen und sehr früh vor Umweltzerstörung und Klimaerwärmung gewarnt. In Bern wird jetzt sein vielfältiges Schaffen in fünfzehn Stationen vorgestellt.
In Europa ist Roberto Burle Marx (1909 – 1994) meist nur Landschaftsarchitekten ein Begriff, in Brasilien sind sein Name und seine Werke allgegenwärtig. In der Ausstellung steht man vor Luftaufnahmen der Copacabana und stellt fest, dass man doch etwas von ihm kennt. Anlässlich der Erweiterung der Promenade hat Burle Marx 1970den Raum zwischen Fahrbahnen und Strand mit abstrakten Ornamenten versehen und kleine bepflanzte Oasen geschaffen. Das berühmte schwarzweisse Wellenmuster von 1906 hat er überarbeitet und verlegte es parallel zur Küste, so dass jetzt Welle auf Welle trifft.

Malen mit Pflanzen
Ein querformatiges Gemälde mit organisch geschwungenen Formen erinnert an Jean Arp oder Paul Klee. Es ist jedoch der Entwurf für einen Garten auf dem Dach des Ministeriums für Bildung und Gesundheit in Rio de Janeiro aus dem Jahr 1938. Durch die dichte monochrome Bepflanzung der einzelnen Segmente entsteht der Eindruck, es handle sich um Malerei. Ein weiteres Beispiel dafür ist der Plan des Dachgartens am Hauptsitz der Bank Safra von 1986, an dessen rechtem Rand man die fein säuberlich aufgeführte Pflanzenliste entdecken kann. Für die Eingangshalle dieser Bank entwarf Burle Marx ein geometrisches Bodenmuster aus verschiedenfarbigem Granit.
Vielfältige Begabung, schwierige Entscheidung
Eigentlich wollte der 1909 in Sâo Paulo geborene Roberto nicht Landschaftsgestalter, sondern Sänger werden; er soll schon als Junge Arien von Wagner geschmettert haben. Seine Mutter Cecília Burle, die Pianistin war, hatte ihn früh für Musik, aber auch für die Natur begeistert. Sie war Brasilianerin mit Vorfahren aus Holland, Frankreich und Portugal. Der Vater Wilhelm Marx, ein Lederhändler, kam aus Deutschland und sprach mit den sechs Kindern immer nur Deutsch; beide Eltern legten grossen Wert auf klassische Bildung. 1928 zog die Familie für eineinhalb Jahre nach Berlin, wo der Neunzehnjährige mit allen Sinnen in die Kultur eintauchte. Er wollte noch immer Bariton werden und besuchte unzählige Opernaufführungen. Aber nachdem er die europäische Avantgarde entdeckt hatte, beschloss er, sich der Malerei zu widmen. Dann stand er im Botanischen Garten in Dahlem, war beeindruckt von den tropischen Gewächsen seiner Heimat und fragte sich, warum er sie kaum kannte. In der bürgerlichen Gesellschaft Brasiliens mit ihren europäischen Wurzeln bevorzugte man Rosen, Tulpen und dergleichen, alles Indigene empfand man als unfein oder gar bedrohlich.
Zurück in Brasilien, begann Roberto Burle Marx ein Architekturstudium, wechselte aber bald zur Malerei. Daneben studierte er die Flora seiner Heimat, sammelte und züchtete Pflanzen und legte erste Gärten an. «Das waren noch keine Gärten», sagte er später einmal, «das war ein Salat.» Der Malerei und der Musik blieb er ein Leben lang treu. Denn, so meinte er, wer kein Gefühl für Rhythmus hat, kann auch keinen Garten gestalten.
Pflanzen sind Persönlichkeiten
Auch ohne Architekturstudium blieben Raumplanung und Bauen die Grundlagen für seine spätere Tätigkeit. Roberto Burle Marx arbeitete mehrmals mit Oscar Niemeyer zusammen, insbesondere für die Hauptstadt Brasilia, wo seine Gärten die Verbindung schaffen zwischen den einzelnen Gebäuden. Er bewunderte auch Le Corbusier, der ihn mehrmals in Brasilien besuchte. Aber es war sein Nachbar, der Architekt und Stadtplaner Lucío Costa, für den er erstmals einen Dachgarten schuf. Es folgte ein erster öffentlicher Auftrag für die Umgestaltung eines Platzes in Recife, wo er die Statue eines europäischen Eroberers kurzerhand durch die Skulptur einer nackten indigenen Frau ersetzte. Das gefiel nicht allen, aber der Gouverneur des Bundesstaates Pernambuco bot dem erst Fünfundzwanzigjährigen den Posten des Direktors der Parkanlagen an, den er akzeptierte.
Roberto Burle Marx war stets daran interessiert, neben den privaten Aufträgen Orte für die Öffentlichkeit, für das Volk zu schaffen. Bei sämtlichen Projekten legte er Wert auf die Verwendung einheimischer Pflanzenarten, wobei er sich auch Ausnahmen gestattete. Afrikanische Palmen zum Beispiel schätzte er wegen des architektonischen Akzents, den er damit setzen konnte.

Foto: Leonardo Finotti, 2014
Um eine Pflanze zu wählen, muss man nicht nur wissen, wie sie aussieht, man muss ihr Wesen, ihr Verhalten und ihre Bedürfnisse kennen. Einem Auftraggeber, der ausschliesslich Gewächse verlangte, welche von Oktober bis Mai blühen, weil er nur dann in seinem Anwesen zugegen sei, antwortete Burle Marx: «Eine Pflanze ist nicht nur dann interessant, wenn sie blüht, sondern auch aufgrund ihres Blattwerks, ihrer skulpturalen Eigenschaften sowie hinsichtlich des Volumens und Kontrastes. Ein Garten ist eine Abfolge von Harmonien aus Farben, Formen und Volumina, die nicht zerstört werden sollte.»
Aufbewahren, bewahren
«Er war ein unermüdlicher Arbeiter», sagt Isabela Ono, welche ihn persönlich gekannt hat. Ihr Vater, der Architekt Haruyoshi Ono, war während rund dreissig Jahren sein Mitarbeiter und späterer Geschäftspartner. In ihrem Beitrag zum Ausstellungskatalog weist Isabela Ono auf den Faktor Zeit hin, den Burle Marx bei seinen Kreationen stets mitgedacht hatte: «Es ist die Zeit, die die Ideen und die Gärten vollendet, sie gedeihen und sich wandeln lässt …» Im Laufe seiner Tätigkeit sind weit über 2'000 Projekte entstanden, die meisten in Brasilien, ein paar in Europa, eines davon in Genf. Diese Arbeiten sind in über 150'000 Dokumenten festgehalten, die heute im Instituto Burle Marx gesichtet und archiviert werden. Die Non-Profit-Organisation wurde 2019 gegründet, Isabela Ono, selber Landschaftsarchitektin, leitete sie von Beginn weg. Im Archiv finden sich auch Belege dafür, dass Burle Marx sich selbst in Zeiten der Diktatur in Brasilien gegen den Bau grosser Strassen wehrte und sehr früh darauf hinwies, dass die Abholzung des Regenwaldes das Klima beeinflussen werde. Im Umweltschutz sah er ein bedeutendes Element zur Bewahrung des nationalen Kulturerbes. In der Ausstellung ist zu sehen, wie er mit seinem Team die Stätten der Verwüstung besucht.

Foto: Pascal Schmidt, Agentur Hans Lucas
El Sítio - Unesco Weltkulturerbe
Ab 1949 kauften Roberto und sein Bruder Guilherme Siegfried nach und nach den Sítio San Antônio da Bica, eine ehemalige Kaffee- und Bananenplantage, auf der eine Kapelle aus dem 17. Jahrhundert sowie ein Farmhaus standen. Im Laufe der Jahrzehnte verwandelte Burle Marx das inzwischen mehr als 40 Hektaren grosse Grundstück in ein Landschaftslabor, pflanzte Tausende tropischer Pflanzen und legte zahlreiche Teiche an. Der Garten ist auch ein Refugium für unzählige Tiere, darunter viele Vogelarten. Im Zentrum Paul Klee kann man mithilfe einer 15 Meter breiten Videoinstallation in diese Welt eintauchen und dem Vogelgezwitscher lauschen.

Foto: Pascal Schmidt, Agentur Hans Lucas
Das Haus im Kolonialstil ergänzte Roberto Burle Marx durch moderne Anbauten und zahlreiche Nebengebäude. Im dazugehörigen Museum ist neben eigenen Werken auch seine grosse Sammlung untergebracht, die Möbel, Volkskunstobjekte, präkolumbianische Keramiken, aber auch Küchengeräte enthält.
Noch zu seinen Lebzeiten, im Jahr 1985, vermachte Roberto Burle Marx sein Anwesen dem brasilianischen Staat, damit die Forschung fortgeführt und das Gelände nach seinem Tod der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wird.
2021 wurde die gesamte Anlage mit ihren Gebäuden und mehr als 3500 Pflanzenarten durch die UNESCO als Weltkulturerbe anerkannt.

Das Leben feiern
Im Sítio gingen immer Leute ein und aus und es wurde gerne und ausgiebig getafelt. Zu den ausgefallenen Menus, die sein Partner, der Koch Cleofas César da Silva, zubereitete, dachte sich Burle Marx jeweils aufwändige Dekorationen aus. Seine Feste waren legendär, und zu vorgerückter Stunde warteten die Gäste darauf, dass Roberto Lieder von Schubert oder Schuhmann sang. Schliesslich wollte er ja einmal Sänger werden.
«Modernismo Tropical» ist bis 7. Februar 2027 im Zentrum Paul Klee in Bern zu sehen.
Auch das Kompetenzzentrum für analoge Kunstvermittlung, Creaviva, steht während dieser Zeit im Zeichen von Roberto Burle Marx.



