Fräulein Sprenger und der Häuptling
Was Neftenbach mit Sitting Bull verbindet
Bei den Recherchen zu meinem Buch über den Blackfoot Buffalo Child Long Lance stiess ich auf den Sioux Chauncey Yellow Robe, einen Verwandten von Häuptling Sitting Bull. Im Leben dieser Personen, geboren zwischen 1831 und 1890, spiegelt sich das Schicksal der amerikanischen Ureinwohner wider. Sitting Bull, der älteste der drei, erlebte die Verfolgung und Ausrottung durch die US-Regierung am eigenen Leib. Zu Zeiten von Chauncey Yellow Robe hatten sich die USA bereits entschlossen, die Indigenen umzuerziehen, anstatt sie zu töten. Das bot Sitting Bulls Grossneffen eine Lebensperspektive. Buffalo Child Long Lance hingegen war ein Mann des 20. Jahrhunderts und profitierte vom Mythos um die grossen Häuptlinge, welcher bis heute anhält.
Leben in zwei Kulturen
Canowicakte, der spätere Yellow Robe, wurde 1867 auf dem Gebiet des heutigen Rosebud-Reservats in South Dakota geboren. Die Büffel waren nahezu ausgerottet und das Land von Siedlern bedrängt, aber dennoch verlebte er eine ziemlich unbeschwerte Kindheit. Bis eines Tages Vertreter der neuen Carlisle Indian Industrial School auftauchten und die Eltern bedrängten, ihnen ihre Kinder anzuvertrauen. Der Schulgründer Richard Henry Pratt, ein ehemaliger Offizier, befolgte den Leitspruch: «Kill the Indian, save the man». Er wollte den jungen Menschen das Indianische austreiben, um sie durch eine schulische und handwerkliche Ausbildung zu funktionierenden Mitgliedern der amerikanischen Gesellschaft zu machen. Chauncey Yellow Robes Vater willigte ein und der Junge wurde auf die sechstägige Reise Richtung Pennsylvania geschickt. Er sprach kein Wort Englisch und fürchtete sich vor all dem Unbekannten, das auf ihn eindrang. Bei der Ankunft in Carlisle wurden die Jungen und Mädchen einem radikalen Verwandlungsprozess unterzogen. Aus traditionell gekleideten und geschmückten zukünftigen Kriegern mit langem Haar wurden kurzgeschorene Anstaltszöglinge in trister Einheitskleidung. Ihre angestammten Namen wurden rudimentär übersetzt und durch amerikanische Vornamen ergänzt, was Canowicakte zu Chauncey Yellow Robe werden liess. Der Fünfzehnjährige gewöhnte sich an sein neues Leben und entwickelte Freude am Lernen, was bald Schulleiter Pratt auffiel, der den Jugendlichen förderte. Yellow Robe wurde schliesslich selber Lehrer und Erzieher und liess sich 1896 in Rapid City nieder.
Canowicakte (rechts) bei der Ankunft in der Schule …
… und nach der Verwandlung zu Chauncey Yellow Robe (links).
Er unterrichtete an der Indian School, einem der zahlreichen Internate, welches nach dem Vorbild von Carlisle gegründet worden war. Eines Tages begegnete er dort einer jungen Hilfskrankenschwester.
Zwei Frauen mit Schweizer Hintergrund
Chauncey Yellow Robe ging bereits gegen die Vierzig, als er im Mai 1906 die zweiundzwanzigjährige Lillian Belle Sprenger heiratete. Ihre Grosseltern väterlicherseits, Jacob und Katharina Sprenger-Gisler, waren aus Neftenbach, Kanton Zürich, in die USA ausgewandert. Lily war in Tacoma, Washington, aufgewachsen und hatte in einer Arztpraxis gearbeitet, bevor sie die Stelle im weit entfernten Rapid City antrat. Die Hochzeit des ungleichen Paares fand nicht in einer Kirche, sondern im eleganten Harney Hotel statt. Mischehen zwischen weissen Frauen und indigenen oder afroamerikanischen Männern waren nicht gern gesehen, aber die Yellow Robes wurden so gut wie nie deswegen bedroht oder belästigt. Chauncey war ein respekteinflössender Mann und angesehener Erzieher und weitherum akzeptiert. Von seiner Frau ist jedoch ein Brief erhalten, in welchem sie ihre Heirat gegenüber einer Freundin verteidigen musste. Diese war entsetzt über Lilys Partnerwahl und hatte Bedenken geäussert, was die zukünftigen Kinder betraf.

Das Paar bekam drei Töchter, von denen es Rosebud (1907 – 1992) zu einiger Berühmtheit als Schriftstellerin und Ethnologin brachte. Die Mutter, Lillian Yellow Robe-Sprenger, starb mit vierundvierzig Jahren an Krebs.
Auch Chaunceys Grossonkel Tatanka Yotanka, bekannt als Sitting Bull, soll um 1889 einer Schweizerin einen Heiratsantrag gemacht haben. Susanna Carolina Faesch, die sich Caroline Weldon nannte, hatte Jahrgang 1844 und stammte aus Basel. Sie war Malerin und Mitglied der «National Indian Defense Association», welche sich für die Ureinwohner einsetzte. Dafür wurde Weldon von der weissen Bevölkerung lebenslang geächtet. Sie lebte eine Zeitlang mit ihrem Sohn bei Sitting Bull und seiner Familie, fungierte als Sekretärin und Beraterin und porträtierte den Häuptling mehrmals. Mit seinem Heiratsantrag hatte er ihr wohl Schutz bieten wollen, denn die Lage war angespannt. Man wollte die Sioux zwingen, einen Teil ihres Reservatslandes zu verkaufen, um weissen Siedlern Platz zu machen. In ihrer Verzweiflung folgten manche einem dubiosen Propheten und vollführten endlose Tänze, welche hilfreiche Geister beschwören sollten, von den Siedlern aber als Kampfansage interpretiert wurden. Weldon versuchte Sitting Bull klarzumachen, dass man nur auf einen Vorwand wartete, um Truppen ins Gebiet zu schicken. Seit der berühmte Häuptling 1876 mit rund fünftausend Kriegern das 7. US-Kavallerie-Regiment unter General George Custer besiegt hatte, war er so etwas wie ein Stachel im Fleisch der amerikanischen Regierung. Am 15. Dezember 1890 kam es bei seiner Verhaftung zu einem Scharmützel, bei dem Sitting Bull erschossen wurde.

Sitting Bull, gemalt von Caroline Weldon
«The Silent Enemy»
Chauncey Yellow Robe hatte sich ein Leben lang gegen die Darstellung der indigenen Bevölkerung in den amerikanischen Medien, besonders in Filmen, gewehrt. Als er 1929 für die Rolle des Häuptlings Chetoga im Dokudrama «The Silent Enemy» angefragt wurde, lehnte er ab. Seine Tochter Rosebud überzeugte ihn jedoch davon, dass es sich bei der Geschichte des Naturforschers Douglas Burdon um ein seriöses Projekt handelte. Der Film unter der Regie von H.P. Carver spielt in Kanada im nördlichen Ontario in der Zeit vor der Ankunft der Weissen. Eine Gruppe von Ojibwas ist vom Hungertod bedroht und steht vor der Entscheidung, ob sie ihr Gebiet verlassen und im Norden auf die Caribou-Jagd gehen soll. Darüber kommt es zum Streit zwischen dem Medizinmann Dagwan und dem jungen Krieger Baluk, welche beide um die Häuptlingstochter werben. Bei den Dreharbeiten war Yellow Robe sofort aufgefallen, dass Häuptling Buffalo Child Long Lance, welcher Baluk verkörperte, sich nicht wie ein Indigener verhielt. Er sprach viel zu viel, erschien stets pünktlich zum Essen und unterhielt die Gruppe gern mit seltsamen Kriegstänzen. Zurück in den USA stellte Chauncey Nachforschungen an und wandte sich mit dem Ergebnis an Burdon, welcher seinen Hauptdarsteller damit konfrontierte. Buffalo Child Long Lance war in den letzten Jahren mit Artikeln, Vorträgen und seinen tausendfach verkauften Kindheitserinnerungen bekannt geworden. Sein weisses Publikum war fasziniert, Vertreter der Urbevölkerung dagegen begegneten ihm mit Misstrauen. Jetzt stellte sich heraus, dass er als farbiger Junge namens Sylvester Long in Winston-Salem, North Carolina, aufgewachsen war. Zu seinen Vorfahren gehörten weisse Farmer, Native Americans und wahrscheinlich afrikanische Sklaven. Dank einem seiner Lehrer hatte er, Jahrzehnte nach Chauncey Yellow Robe, die Carlisle Indian Industrial School besuchen können. Danach machte er sich mit immer dreisteren Lügen zum Häuptling der Schwarzfuss. Alles was er anpackte, machte er sehr gut, nur eben stets unter falschen Vorzeichen. Als sein Lügengebilde zusammenkrachte, begann er zu trinken und erschoss sich 1932 in der Villa einer reichen Erbin.
Chauncey Yellow Robe konnte es nicht ertragen, wenn sich jemand buchstäblich mit fremden Federn schmückte. Er zeigte aber dennoch Verständnis und auch Bewunderung dafür, wie Sylvester Long das Beste aus seiner hoffnungslosen Situation gemacht hatte. Dessen Selbstmord sowie auch die Premiere von «The Silent Enemy» bekam er nicht mehr mit. Er starb im April 1930 in New York an einer Lungenentzündung.




