Martin Witz, Drehbuchautor, Tonmeister, Dokumentar-Filmer:

«Man muss mit dem Stoff sofort in Kontakt kommen»

Die meisten Filme, für die Martin Witz gearbeitet hat, haben einen historischen Hintergrund. Und fast alle sind politisch. Für seinen Dokumentarfilm über den Migros-Gründer Gottlieb Duttweiler erhielt er 2007 den Zürcher Filmpreis.

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Der Erfolg von ‚Dutti der Riese’ habe ihn selber überrascht, meint Martin Witz. „Mehr als 30'000 Kinoeintritte, das ist aussergewöhnlich für einen Dokumentarfilm. Da haben sich Leute ins Kino aufgemacht, die sonst nicht mehr ins Kino gehen. In den Herzen dieser älteren Schweizerinnen und Schweizer ist Gottlieb Duttweiler tief verankert. Das merkte ich, als ich Zeitzeugen suchte. Ich bekam eine Unmenge Post von Menschen, die mir ihre Erinnerungen an Dutti erzählen wollten.“ Die Idee zu dem Film kam vom Produzenten. Martin Witz hat aber nicht lange gezögert mit seiner Zusage. „Ich habe schnell gemerkt, was für einen tollen Filmstoff diese Figur hergibt. Dieser dynamische Unternehmer mit dem Herzen für die Schwächeren, der die vermeintlich unvereinbaren Felder von kapitalistischem Unternehmertum und sozialer Verantwortung in aller Selbstverständlichkeit und Effizienz vereint und zu einem eigenen Lösungsmodell führt.“ Früher hatte der junge Martin Witz mit Duttweilers Partei, dem Landesring der Unabhängigen LDU nichts am Hut, das war ihm zu wenig links. Aber nun, während der Arbeit am Film, begann ihn auch die politische Position dieses Mannes zu faszinieren. „Der hat nicht nur grosse Nägel mit grossen Köpfen gemacht, er wusste auch, wie man sie einschlägt. Und den Hammer dazu hat er sich auch auf eigene Rechnung beschafft. Der Mann hatte die Ausstrahlung eines Landesvaters. Aber natürlich hat ihm nur die Hälfte der Bevölkerung vertraut, denn die andere hatte etwas zu verlieren. Objektiv gesehen hat er auch Existenzen bedroht und zerstört.“ Die Figur beeindruckt bis heute. So wurde Gottlieb Duttweiler erst kürzlich in einer Umfrage der ‚Sonntags-Zeitung’ zu den wichtigsten Schweizer Persönlichkeiten auf Platz zwei hinter Albert Einstein genannt. Und wie haben die Leute hier in Fluntern auf den Film reagiert? „Von den Nachbarn wurde ich darauf angesprochen, sonst eigentlich nicht“. Aber die städtische Anonymität in der Einfamilienhausgegend ist ihm im Grunde ganz recht.

Heimatstil – gründlich entstaubt

Wohnen am Zürichberg bezeichnet Martin Witz als luxuriöses städtisches Dasein. Denn: „Habe ich nach dem Nachtessen noch Lust, ins Kino zu gehen, bin ich mit der Vespa in fünf Minuten in der Stadt. Und in einer Minute bin ich im Wald und kann losjoggen.“ Begleitet wird er dabei von der Hündin Samba, einer überaus besucherfreundlichen Labrador-Bergamasker-Mischung. Das Haus an der Keltenstrasse, Baujahr 1910, konnte der Grossvater, Friedrich Witz, in den 50er-Jahren günstig erwerben. Er hatte mitten im Zweiten Weltkrieg den ‚Artemis Verlag’ gegründet, um, wie Martin Witz es ausdrückt, „nach der Diskreditierung der deutschen Sprache durch die Nazis den guten Teil der deutschen Literatur zu pflegen. Er gab zum Beispiel eine Goethe-Gesamtausgabe heraus, die sogar von der Eidgenossenschaft subventioniert wurde. Zuvor war mein Grossvater übrigens auch einmal Kinobesitzer in Baden, allerdings wegen der Krise in den 20er-Jahren ohne Erfolg.“

Als Kind war Martin oft hier bei den Grosseltern zu Besuch. Vor gut zehn Jahren hat er mit seiner Frau, der Keramikerin Therese Müller, das Haus übernommen und gründlich umgebaut. Vom Heimatstil, der die Villa von aussen prägt, ist innen rein nichts mehr zu spüren. Die herrschaftlichen Räume wurden in mehrere Wohn- und Arbeitsbereiche unterteilt. Da sind die Ateliers für die Keramikproduktion, die Wohnung von Martin Witz’ Mutter, die Zimmer unterm Dach, wo eine der beiden erwachsenen Töchter lebt. Dazwischen die lichtdurchflutete Wohnung des Ehepaars Witz Müller, die in ihrer Schlichtheit und Wärme etwas Japanisches ausstrahlt. Das Ganze ist umgeben von einem alten Garten, wo sich Efeu über flechtenbewachsene Steine rankt und wo man an Sommerabenden sicher gerne sehr lange sitzen bleibt. Und dann ist da noch, zuunterst neben dem Eingang, das kleine Büro von Martin Witz. Entstehen hier ganze Filme? Ist das die Schaltzentrale? „Das wäre ein zu grosses Wort“, meint er schmunzelnd, „hier arbeite ich, wenn ich in Zürich bin. Beruflich bin ich ja auf drei Feldern tätig.“

Schreiben, Regie führen, aufnehmen

„Erstens schreibe ich seit Jahrzehnten Drehbücher, früher für Spielfilme, heute vorwiegend für Dok-Filme, und zwar für eigene wie auch für andere . Zweitens mache ich alle paar Jahre einen Film, führe also selber Regie. Und zwar dann, wenn ich an einen Stoff herankomme, bei dem ich das Gefühl habe, ich könnte etwas dazu beitragen. Drittens bin ich als Tonmeister tätig, eine Arbeit, an der ich sehr hänge. Da wird man in ein fremdes Projekt, in ein unbekanntes Thema, hineingeworfen. Zudem ist die Tätigkeit oft mit Reisen verbunden, das ist auch attraktiv.“

George Washington Bridge
Die George Washington Bridge über den Hudson River, eingeweiht 1931. Über ihren Erbauer hat Martin Witz einen Film gedreht.

In seinem Büro entstehen die Drehbücher, laufen Organisation und Administration. Für die Arbeit als Tonmeister besitzt Martin Witz selber eine Ausrüstung, die für Dok-Filme meistens genügt. Die ganze übrige Infrastruktur, die Kameras, der Schneideraum samt Schnitt-Computer etc, werden für das jeweilige Projekt gemietet. Angefangen hatte das alles mit Videos.

In seinem Büro entstehen die Drehbücher, laufen Organisation und Administration. Für die Arbeit als Tonmeister besitzt Martin Witz selber eine Ausrüstung, die für Dok-Filme meistens genügt. Die ganze übrige Infrastruktur, die Kameras, der Schneideraum samt Schnitt-Computer etc, werden für das jeweilige Projekt gemietet. Angefangen hatte das alles mit Videos.

Zürichs heisse Zeiten

Film hat ihn schon immer interessiert, schon während seines Germanistik- und Publizistik-Studiums an der Uni Zürich. „Aber ins Filmemachen hineingeraten bin ich aus einer politischen Überlegung her. Es war 1978, die Zeit der Quartiergruppen, der Frauen-, Lesben- und Schwulenbewegung, der Häuserbesetzungen gegen Spekulation. Damals kamen auch die neuen portablen Videoaufnahmegeräte auf den Markt, die relativ billig und einfach zu bedienen waren. Also gründeten wir – eine Gruppe von sieben, acht Leuten – den ‚Videoladen Zürich’. Mit der Idee, diesen politischen Gruppen ein Medium zur Verfügung zu stellen, das sich wie ein Flugblatt oder eine Zeitung nutzen liess. Wir haben das nicht erfunden damals, es gab auch in den USA, in Deutschland oder Frankreich solche Video-Gruppen. Und dann, 1980, kam der grosse Knall, die Zürcher Jugendunruhen. Getreu unserem Anspruch dokumentierten wir alles. Ein paar von uns haben dann aus dem Video-Material den Spielfilm ‚Züri brännt’ zusammengestellt, der ja, ganz überraschend, ein grosser Kinoerfolg wurde.“ Zu jener Zeit lebten Witz und seine Freunde in einem Loft im Kreis 5, den sie als Büro deklarierten und – nicht ganz legal – als WG bewohnten.

1982 hat Martin Witz den Videoladen verlassen und sich selbständig gemacht. Zusammen mit seinen Freund Christoph Schaub schrieb er das Drehbuch zum Spielfilm ‚Wendel’ – die Geschichte einer Freundschaft. Die Beiden holten gleich den Max Ophüls-Preis am Ophüls-Filmfestival Saarbrücken. Jung, wie sie waren, dachten sie, das ginge jetzt so weiter. Ging es aber nicht immer.

Das Porträt einer Schweizer Persönlichkeit

Alle Spiel- und Dokumentar-Filme, für die Martin Witz gearbeitet hat, haben das Licht der Leinwand erblickt, wurden an Festivals wie Cannes, Locarno, Berlin oder Sundance gezeigt. Darauf ist er schon ein wenig stolz. Und welches sind die Titel, die ihm besonders am Herzen liegen? Witz nennt spontan den Dok-Film ‚Angry Monk – Reflections on Tibet’, ein Film von Luc Schaedler, bei dem er den Schnitt besorgte. Dann auch ‚Noël Field – Der erfundene Spion’. Das ist eine Geschichte aus dem Kalten Krieg über einen Mann, der in eine Spionage-Affäre verwickelt war und lange hinter Gittern sass. Ein weiterer Film mit politischem Inhalt, zu dem er das Drehbuch verfasste, hiess von ‚Von Werra’. Da ging es um einen Buben aus einer Walliser Adelsfamilie, der zu deutschen Adoptiveltern kam, in den 30er-Jahren Pilot wurde und dann in Hitlers Luftwaffe eine recht zweifelhafte Star-Karriere machte. Der Film beschreibt den realen Hintergrund des englischen Spielfilms ‚The One that got away’.

Vor kurzen war er in den USA. Ein neues Projekt? „Ja“, sagt Martin Witz, „dort habe ich recherchiert. Es soll ein Kinofilm werden, ein 90-minütiger Dokumentarfilm. Und es geht wieder um einen berühmten Schweizer. Mehr will ich nicht verraten.“

Erschienen 2009 in der Quartierzeitung Fluntern

 

Nachtrag:

Bei jener Reise in die USA ging es um die Recherche für «The Substance – Albert Hofmann’s LSD».Der Film erzählt die Geschichte des LSD von der Entdeckung durch Hofmann bis heute. Premiere war 2011 in Locarno.

Hier der Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=eIDRmBYyzbc

 

Nach Gottlieb Duttweiler, dem Brückenbauer zwischen Produzenten und Konsumenten, porträtierte Martin Witz in «Gateways to New York» den Schweizer Bauingenieur Othmar H. Ammann, der die wichtigsten Brücken New Yorks baute. Der Film hatte im Januar 2019 Premiere.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=jeUvkTFVX8o

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Othmar H. Ammann vor der Verrazzano-Narrows Bridge
Der Schweizer Ingenieur Othmar H. Ammann vor der Verrazzano-Narrows Bridge in New York, erbaut zwischen 1959 und 1964.

2025 kam «Im Schatten der Träume» in die Kinos. Er erzählt von der äusserst produktiven Freundschaft zwischen dem Texter Bruno Balz und dem Komponisten Michael Jary. Die Beiden machten unter anderem Zarah Leander zum Weltstar.

Trailer: https://www.youtube.com/watch?v=2FoKokb8Mtc