Nicht Richtig – Leseprobe

„Jetzt fängt die auch noch damit an!“, dachte Mira, als ausgerechnet die von ihr so sehr verehrte Lehrerein Fräulein Kopp fragte, ob sie früher Sturer geheissen habe. „Nein“, erwiderte sie, fest und beunruhigt, „ich heisse Burgstein!“ Die Lehrerin warf einen Blick in ihr Klassenbuch: „Oder heisst vielleicht dein Vater Sturer?“ – „Nein!!“ Der Name Sturer, dieses Missverständnis aus der Augenklinik, schien sie zu verfolgen. Sie hatte den Namen auch schon irgendwo gelesen. Fritz und Mina Sturer-Tanner hatte da gestanden. Sie wollte sich nicht daran erinnern. Wollte das Gehörte und Gelesene vergessen und verbannen. Die Lehrerin gab ihr einen Brief an die Eltern mit nach Hause. Sie traute sich nicht, ihn heimlich zu öffnen.

Vater Alfons wurde bei der Primarlehrerin vorstellig. Von ihrem Platz in der ersten Reihe sah Mira ihn draussen im Gang stehen, im Sonntagsanzug, ein gelbes Couvert in den Händen. Er nickte ihr aufmunternd zu. Das gelbe Couvert, auf dem er in gestochen scharfer Zierschrift „Familienbüchlein“ gemalt hatte, ging Jahrzehnte später in ihren Besitz über. Die rosafarbenen Blätter, die sie einmal im Schrank entdeckt hatte, musste Mutter Irmgard inzwischen entsorgt haben. Jedenfalls gab sie vor, nichts davon zu wissen. Dabei hätte das alte Kind das Geschriebene jetzt verkraftet. Damals, als 7-Jährige, hatte sie es nicht fertiggebracht, ihre eigene Geschichte zu lesen.

Mira sass auf dem Fussboden in Simons Zimmer. Der kleine Cousin hatte eine Spielzeugeisenbahn bekommen, und sie half ihm dabei, die Schienen im Kreis zu verlegen. Im Nebenzimmer plauderten die Eltern mit Alfons’ Bruder und seiner Frau, Onkel Werner und Tante Berti. Plötzlich wurde der Plauderton leiser. Für Mira war dies die Eingangsmelodie zu einer Kindersendung, die man nicht verpassen durfte. Sofort fuhr sie ihre Ohren aus und hörte Mutter Irmgard sagen: „Sie merkt alles. Sie hat auch gemerkt, dass du den Nikolaus gespielt hast.“ Ein Leben lang würde sich Mira darüber wundern, wie leichtfertig Eltern auch über Unsägliches sprechen, überzeugt, die Kinder würden schon nichts mitbekommen.

Die Sache mit dem Nikolaus war eine Beleidigung gewesen. Weil sie wieder einmal krank gewesen war, hatte sie bei der alljährlichen Nikolaus-Schelte im Haus der Grosseltern nicht dabei sein können. Stattdessen kam der Nikolaus ein paar Tage später zu ihr nach Hause, am hellichten Tag! Und erst noch ohne Bart! Nur in einer schwarzen Kapuzenpelerine. Aber damit nicht genug. Kaum hatte das immerhin schon mehr als acht Jahre alte Mädchen seinen Spruch aufgesagt, den Tadel entgegen genommen und den Nikolaus verabschiedet, da klingelte es erneut. Diesmal war es Onkel Werner. Er begrüsste Mira fröhlich, legte seine pralle braune Mappe auf den Tisch und entnahm ihr einen Lebkuchen. In der Mappe, das konnte sie deutlich sehen, lag ein zusammengefaltetes schwarzes Kleidungsstück. Warum nur waren die Erwachsenen immer so unvorsichtig?